Goodtimes: Die Rory Gallagher - Story 1949 - 1995, Teil 1


Entnommen aus der Zeitschrift "Good Times", Ausgabe 4/95,
verfasst von Uli Twelker.

Herzlichen Dank an Peter Seeger und Uli Twelker,
diesen Artikel hier veröffentlichen zu dürfen!



Die Rory Gallagher-Story, Teil 1

Mit seinem karierten Holzfällerhemd, einem ausgewaschenen Paar Jeans und einer bis aufs rohe Holz abgewetzten Stratocaster-Gitarre verkörperte Rory seit den späten Sechziger Jahren wie kein anderer die mögliche Unkompliziertheit seines erwählten Musik-Genres: Einfach die "Strat" in einen Vox AC30 stöpseln!
Der winzige Dreißig-Watt-Verstärker war vor dem bald standard-mäßigen Fender "Twin Reverb" tatsächlich Gallaghers weiteres winziges, schön dreckig klingendes Markenzeichen - Blues/Boogie-Nummern, meist im Trio derb dargeboten, machten Rory bald zum Makler ehrlicher, bodenständiger Sounds! Einen "Unplugged"-Set gab es jeweils in der Mitte, lange bevor die MTV-Generation die Vokabel erfand. Dieses Rezept brachte Gallagher durch ein Vierteljahrhundert im Rampenlicht, unumstritten - außer daß ihn das "GUINNES BUCH OF ROCK STARS" auch in seiner dritten Ausgabe 1994 völlig ignorierte: zwischen "Buckse Fizz" und "Suede" war wohl einfach kein Platz mehr für einen weiteren Rock Star!


Cradle Rock - Wiegenlieder
Der irische Country Boy, am 2. März 1949 in Ballyshannon in der Grafschaft Donegan geboren und in der Hafenstadt Cork aufgewachsen, wurde durch die folkloristischen Jigs und Reeds seiner Heimat ebenso beeinflußt wie durch Blues-Radioprogramme der Fünfziger Jahre: 1957, ganze neun Jahre alt, besaß der langjährige Ukulele-Spieler seine erste Gitarre. Der später zum weltbesten Rockgitarristen gewählte Barde begann wie viele Iren als Tanzmusiker - mit fünfzehn zog es den Jungprofi mangels heimischer Alternativen in eine der bei vielen seiner meist armen Landsleuten angesehenen Showbands. Dort amüsierte man sich zwar fernab von Ernst Mosch und seinen Eberschändern höchst professionell. Glamour-, Tanz- und Countrygruppen boten ausgefeilte Partyprogramme. Trotzdem spielte Rory eher notgedrungen in der Fontana Showband: "Die ganze Richtung hat mir nie gepaßt, aber es war ein Forum, um öffentlich zu spielen!"

Später tourte die Formation als "The Impact" durch die irischen Counties und bereiste außerdem Großbritannien, Südeuropa sowie die Army-Camps der noch sehr besatzergeprägten Bundesrepublik Deutschland West. Zwei Impact-Kollegen, Drummer Norman Damery, und Bassist Eric Knitteringham, praktierten ab 1965 mit Rory für härtere Sounds. Die beiden konnten einfach ihre R&B-Band Axles nicht vergessen: Mit Rory, Rock´n Roll, Country- und City-Blues ging es 1966 als "Taste" auch in den ´Hamburger Starclub`.

Aber Gallagher & Co ereilte dort das gleiche Schicksal wie dem dortigen Bluesrock-Konkurrenten Alvin Lee mit seinen Jaybirds: Für beide Bands erwies sich eine härtere Blues-Geschmacksrichtung als noch nicht tragfähig. Und während Alvin es in England mit einem neuen Bandnamen - Ten Years After - erfolgreich versuchte, wechselte Rory die Mannschaft, blieb aber beim erfolgversprechenden Namen: Taste!


Crest Of A Wave - Erfolgswellen
Ein neuer Anlauf 1968 mit den Belfastern John Wilson, der eine Zeitlang bei Van Morrisons Them getrommelt hatte, und Bassist ´Charlie` Richard McCracken etablierten Taste in großem Stil. Sie galten als Londoner Cream-Konkurrenz und räumten als Headliner sowie Open Air umjubelte Festival-Attraktionen ab. Ihre Polydor Debut-LP "Taste" (Aufnahmen der Ur-Taste sollten erst später erscheinen) chartete zwar nicht, bot der wachsenden Schar ihrer Fans aber überzeugend authentische Sounds von Mississippi-Akustik-Stompern wie "Leaving Blues" über Chicago-Bar-Blues ("Sugar Mama") bis zu harten, Melodie-gestützten Heavy-Riffs à la "Same Old Story". Chef Rory erwies sich als Gitarren-As, mehr als passabler Shouter, Bluesharp-Spezialist, Poet ohne neunmalkluge Metaphern-Orgien, und er überraschte obendrein mit kompetenten Saxophon-Einlagen.

"On The Boards" - elf Wochen in den britischen Charts, bis No. 18 in den Top-Twenty - erfüllte im Sommer `69 alle Versprechungen des Erstlings und variierte die Bandbreite mit Country-Songs und einem weiteren Rory-Markenzeichen: unisono mit Stimme und Slideguitar vorgetragenen Melodieläufen wie in "Eat My Words"!

Konzerthöhepunkt der Taste-Karriere wurde ihr auch als Album dokumentierter Auftritt beim "Isle Of Wight Festival" im August 1970. Trotz großartiger Form litt die Performance jedoch unter schlechter Stimmung in der Band: Rory fühlte sich - als einziger Komponist der Band - zu Unrecht von Wilson und McCracken kritisiert, hinter der Bühne herrschte bereits eisige Funkstille.


Smear Campaign
Leider folgte darauf eine von den Medien inszenierte "Smear Campaign" - so ein Songtitel Gallaghers (1987): Vom Management zurückgehaltene Gagen und Tantiemen ließen Charlie und John glauben, Gallagher spiele sich als hungerlohnzahlender Boß auf - die Presse stieg schmierig-laut darauf ein. Rory fühlte sich eingekesselt: im Oktober 1970 verließ er die Formation und tauchte monatelang aus der Öffentlichkeit ab.

Seine Rythm-Section aus Wilson & McCracken gründete mit John Weider (Ex-Family)  und Jim Cregan (später Rod Stewart-Band) die Gruppe Stud, die es zu drei wenig beachteten Jazzrock-Scheiben brachte, "Charly" McCracken arbeitete im Laufe der Siebziger Jahre auch in der Spencer Davis Group und stieß in den 80ern mit Jerry Shirley von Humble Pie zum Motorhead-Ableger Fastway, John Wilson tauchte 1984 bei der Jim Daily Blues Band auf, die Gruppe begleitete unter anderem Dr. John bei England-Dates. Ihr sensibler, deprimierter und obendrein bankrotter Ex-Boß Rory Gallagher spielte mit neuen Leuten, an die er sich von einem irischen Festival her erinnerte: Bassist Gerry McAvoy, Ex Deep Joy, und Drummer Wilgar Campbell hatte er bei einem Belfast Open Air in ihren Vorgruppen kennengelernt und rief sie nun an: beide waren frei!


Banker´s Blues
Vorschüsse der Firma Polydor lagen wegen der inzwischen auf Hochtouren laufenden Taste-Prozesse auf Eis: mit letzter Kraft borgte sich der sensible Blueser Geld von seiner Mutter Monica und zog seine Londoner Sessions Anfang 1971 durch. Er erreichte mit dem abwechslungsreichen Solo-Debut "Rory Gallagher" immerhin einen Platz 32-Erfolg in den UK-LP-Charts, den er mit langen Europa-Tourneen, zunächst schwierigen US-Trips und dem Album "Deuce" konsolidierte: Ende 1971 kam er damit auf Platz 39, während die Verkaufszahlen in der BRD bereits höher lagen.

Gelassen gastierte Rory bald auf der ersten Solo-LP des renommierten britischen Produzenten Mike Vernon:"Bring It Back Home". Vernon verdankte seinen Ruf den klassischen Aufnahmen für sein Blue Horizon-Label, allen voran den früheren Alben von Peter Green´s Fleetwood Mac und Stan Webb´s Chicken Shack. Was deren Sessions ausstrahlten, fehlte Rory nach eigenem Empfinden bei seinen eigenen Platten - ein adäquater Transfer der legendären Live-Athmosphäre auf die Konserve.

Folgerichtig veröffentlichte Gallagher als nächstes einen Mitschnitt seiner umjubelten Bühnenshow "Live In Europe" - mit einem dramaturgisch-geschickten, Fan-Ekstase hervorrufenden "Bullfrog-Blues" - erreichte im Sommer 1972 sogar die britischen Top Ten und hielt sich fünfzehn Wochen in den Listen, worauf der beserkerhaft Tourende den Mut zu einer Sound- und Band-Erweiterung fand.


Moving On
Drummer Wilgar Campbell schied aus und gründete später mit dem Ober-Groundhog Tony McPhee die Band Terraplane. Für ihn formierten Drummer Rod deAth und der Chuck Berry-gehärtete Pianist Lou Martin ein Gallagher-Quartett, das mit "Blueprint" debutierte und mit einem 12. Platz die Vorgabe von "Live In Europe" annähernd erreichte.

Gallaghers Kompositionen wurden immer eingängiger - gewiefte Riffs, inspirierte Soli und akustische Südstaaten-Einlagen hielten Spannung und Abwechslung hoch. Stolz gehörte der Ire mittlerweile zur Créme der Rock-Gitarristen. Er wurde eingeladen, sowohl die Blues-Legende Muddy Waters als auch den Rock´n Roll-Haudegen Jerry Lee Lewis bei ihren jeweiligen "London-Sessions" zu unterstützen.

Neben Marathon-Reisen durch Europa und den amerikanischen Kontinent - bis zu vier Monate am Stück und zum Beispiel gleich sechs Nächte im Toronto Colonia Tavern vom 19. - 24. Marz 1973 - fanden Rory und seine Band bis zum Herbst noch zwei Wochen Zeit für Studiotermine - für den ebenbürtigen LP-Wurf "Tattoo" (UK No. 32 im November 1973). Im Jahr darauf wurde die Live-Stärke der Formation erneut dokumentiert: Neben zahlreichen Bootlegs - die in den Neunziger Jahren von Gallagher selbst in einer "G-Men-Box" zurückreklamiert wurden - erschien "Irish Tour 74" als Medienverbund-Album (UK No. 36 im Juli `74) und Kinofilm.


Road To Hell
In seinem Heimatland, der I.R.A-gebeutelten Republik Irland, hatte Rory seine sprichwörtliche Glaubwürdigkeit am eindruckvollsten erspielt. Mitte der Siebziger Jahre, als die Irisch Republikanische Armee mit ihren Bombenanschlägen nicht nur für nackten Terror, sondern auch für künstlerische Verarmung der grünen Insel sorgte, spielte der Kumpel aus Cork ungerührt in der Hauptstadt Dublin, aber auch im gefürchteten nordirischen Ulster-Hexenkessel Belfast: frenetisch gefeiert von einer Fangemeinde, denen diese Mutprobe mehr gab als alle Statements der restlichen Welt.

Am 27. Februar 1975 meldete die deutsche Ausgabe des "Melody-Maker" großspurig: "Der neue Stones-Gitarrist heißt Rory Gallagher!" Sicher, Rory war ins niederländische Rotterdam eingeflogen worden und hatte jammend an den Sessions für das Rolling Stones-Album "Black and Blue" teilgenommen, aber nicht ernsthaft erwogen, seine Eigenständigkeit für das zweifellos schmeichelhafte Angebot aufzugeben. Im Fanzine "Deuce" erinnerte Rory sich im Dezember 1984 an jenes Früjhjahr `75: "Die Stones-Sache war nur eine Aufnahme-Session für ein paar Nächte. Ich bin ein Stones-Fan. Ich war es damals und ich bewundere noch immer eine Menge der Sachen, die sie machen."

Im eigenen Studio übertraf sich der hemdsärmelige Ire weiterhin selbst. Sein 1975er ´Chrysalis`-Debut "Against The Grain" zählte bis zuletzt zu seinen Lieblingsalben, auch wenn es meist nicht chartete. Live ging es 1975 zum ersten Mal nach Australien, außerdem freute sich Rory über seine Einladung zum Montreux Jazz-Festival im Juli.

Für "Calling Card" (UK No. 32 im Oktober `76) konnte Rorys neuer Produzent, der Deep Purple-Bassist Roger Glover, den irischen Wahl-Londoner zu neuen Höchstleistungen bringen. Hatten sich die LP-Verkäufe auch seit "Tattoo" in England auf 30-er Plätzen eingependelt, so fand Gallaghers Live-Attraktivität seinen weiteren Glanzpunkt im Sommer 1977 in der international ausgestrahlten ARD-Rockpalast-Nacht: "German Television proudly presents"!


What´s going on?
Im Studio verließ Rory kurz darauf die lockere Hand: Die Masterbänder seiner monatelangen, intensivsten Arbeit in San Francisco fanden beim Abmischen nicht seine Gnade - Rod deAth und Lou Martin mußten die Band verlassen, Gallagher lenkte sich durch Sessions mit seinem Skiffle-Idol Lonnie Donegan ab. Mit dem seit sieben Jahren loyalen Gerry McAvoy und als neuem Drummer Ted McKenna, dessen Sensational Alex Harvey Band sich gerade aufgelöst hatte (siehe Good Times 3 und 4/95), nahm Gallagher Anfang 1978 einen Großteil des San Francisco-Materials in nur 15 Tagen neu auf - statt an der Frisco Bay ließen sich die beiden Iren und der junge Schotte nun am Rhein inspirieren - in Dieter Diercks Studio bei Köln. "Photo Finish" geriet trotz der Reduzierung aufs Trioformat abwechslungsreich, dabei energiegeladener als "Grain". Das Album platzierte sich in England nicht, bewahrte aber Rorys Popularität in den USA, Deutschland (No. 34) und Resteuropa: bei einem Auftritt in der Stadt seiner Jugend, dem südirischen Cork, traf Rory 1978 anlässlich des Macroom Festivals auf seinen ersten Taste-Bassisten Eric Knitteringham, er spielte in der Band Sunset.

Das gängigste Klischee eines Hallen, Hotels, Städte und Nationen abhakenden, vom Tourkoller geschädigten Headbangers - gepflegt etwa durch den Kultfilm "Spinal Tap" - paßte trotz aller Routine, Druckwalls, gewagter Scherensprünge und Holiday Inn-Gelagen auf Rory nicht im geringsten. Der Mann gab beim Spielen sein letztes, nahm aber das Publikum nicht als Masse, sondern aus Menschen bestehende Ansammlung wahr, deren Einheit Rory liebte und für deren Wohlbefinden er sich einsetzen wollte.
Dafür mag ein Erlebnis stehen, an das sich Markus Gygax vom Gallagher-Magazin "Deuce" aus über 100 Auftritten erinnert:

"1979 habe ich Rory vor etwa 5000 Zuschauern in der Sporthalle Köln gesehen. Ein Security-Mann hat einem ungefähr sechzehnjährigem Mädchen einen Boxhieb verpaßt, weil es auf die Abschrankung geklettert ist. Rory hat dies zufällig gesehen, ist von der Bühne in den Abschrankungsteil gesprungen, hat die Security von diesem Mädchen weggezogen und auf den Ausgang hingewiesen. So war er, in den Siebziger und Achtziger Jahren ein Superstar, der Ungerechtigkeiten aber nicht nur gesehen, sondern auch dagegen gekämpft hat."

Nach einem Studio-Gastspiel für Mike Batts "Tarot Suite" setzte "Top Priority" Rorys solide, bei etwas mehr Heavy-Touch weniger abwechslungsreiche, aber spannende Trio-Arbeit fort. Sie erreichte im Vereinigten Königreich den bescheidenen Platz 56, kam aber in Deutschland sowohl in den Radio-Charts als auch in der Verkaufsliste auf Rang 1!

Rory frönte weiter monatelang pro Jahr seine Live-Aktivitäten. Gallagher spielte einen Gig mit dem arrogant agierenden Blues-Veteran Albert King - dokumentiert auf "Albert Live" 1979". Kurz darauf folgte seine eigene neue Tour-Visitenkarte "Stage Struck". Ein Platz 40 in den britischen Charts tröstete Rory wohl kaum darüber hinweg, daß der Konzertmitschnitt weder an "Live In Europe", seine mittlerweile legendäre "Irish Tour `74" noch an diverse Bootlegs heranreichte - der Sound war einfach zu harsch und zu trocken, und sowohl sein Country-Blues als auch Chicago-Blues subtil elektrische 12-Bar-Herrlichkeit kamen einfach zu kurz!


Doing Time
Drei Jahre vergingen nach "Top Priority" bis zum 1982 - zwischen erstaunlich wenig Gigs - in absoluter Höchstform eingespielten Studio-Nachfolger "Jinx", auf dem Rory in Brendan O`Neill wieder einen neuen Drummer präsentierte - Ted McKenna ging mit Gary Moore und Tommy Eyre zur Greg Lake Band und erschien danach in diversen Michael Schenker Groups. Das lange Warten auf neues Materiel hatte bei diesem Melodien-Reichtum und einer erneut größeren Variationsbreite gelohnt, ein Platz 68 in den Charts der Wahlheimat Britannien nahm sich nach der kreativen un physischen Anstrengung des Studio-Marathons eher enttäuschend aus!

Auch 1983 tourte Rory wie `81 wenig, sporadische Studiotermine ließen ihn Anfang des nächsten Jahres "Failsafe Day", "Loanshark Blues" Und "Kickback City" vorstellen. Angeblich war eine ganze LP fertiggestellt, doch es erschien lange Zeit nichts.

Dafür kam 1984 Gerry McAvoys erstes Solo-Album "Bassics", mit Pianist Lou Martin und den Rory-Drummern 2 und 3, Ted und Brendan. Gallagher selbst war als Session-Gast inzwischen lockerer als bei seinen offiziellen Solo-Werken: Nach eigenem Bekunden war der scheue, oft kindlich wirkende und mit extremem Aberglaube irritierende Blueser nicht nur ein Anti-Star, sondern auch Fan geblieben - ein "Worshipper", wie er sich ausdrückte. So "half" der leidenschaftliche Gitarrist 1984 seinem Jugend-Helden Chris Barber für die LP "Drat That Fratle Rat" und gastierte auf der dritten Solo-LP von Gary Brooker. Daneben prägte Rory `84 & `86 zwei Alben des Yardbirds-Nachfolgers Box Of Frogs, deren "Strange Land" präsentierte gleich vier Titel mit Gallaghers Stratocaster.

Auch 1986 bastelte Gallagher weiter an seinem eigenen neuen Studio-Projekt "Torch", deren "I ain´t No Saint" er bereits live vorstellte. Wieder verzweifelte der Festival-Veteran im Regieraum:
"Der Abmisch-Prozess verkomplizierte sich" (O-Ton Rory), und "einige Stücke in anderen Geschwindigkeiten und anderen Tonarten" wurden erst ein Jahr später für das fünf Jahre nach "Jinx" erscheinende "Defender"-Ablum gerettet.

Bei Studio-Sessions und den nun seltener werdenden Tourneen (Spanien, Frankreich mit Memphis Slim) verstärkte der Harmonica-Spezialist Mark Feltham - von den zwischenzeitlich pausierenden Londoner R&B-Champions Nine Below Zero - 1986 das Line-Up der Rory-Band, das sich auch auf anderen Kleinkunstbühnen vergnügte. Die Gerry McAvoy Band bestand aus Gerry, Mark und dem Earth Band-Gitarristen Dave Flett und und Ginger Baker´s Air Force-Keyboarder Dave Lennox (heute bei Mick Abraham´s Blodwyn Pig), Brendan O`Neill trommelte bei Hershey & The 12 Bars.

Aus dem spontanen, impulsivem Handwerker Rory Gallagher war derweil ein Zauderer und Perfektionist geworden, und so dauerte es wiederum drei volle Jahre, bis 1990 "Fresh Evidence" erschien: allerdings mit bemerkenswertem Energie- und Ideen-Level! Rory brachte hier harten R&B, Jazz-Touch - und das zarte akustische "Empire State Express" - zum St. Patrick´s Day allein im heimatlichen Irland aufgenommen.

Loose Talk
Trotzdem war Rory ungerechterweise nebem dem Blues-Trendspringer Gary Moore ins Hintertreffen geraten. Gesundheitliche Schwächen, wieder einmal von der britischen Musik- und Regenbogenpresse mies ausgeschlachtet, ließen Gallagher mehr und mehr in Dublin und seinem Londoner Domizil in Chelsea privatisieren. Für seine langjährige Band waren die großen Pausen bald das Signal zum Firmenwechsel: O`Neill und Gerry McAvoy gingen. Besonders der Abschied Gerrys schmerzte Rory. Der lockenschüttelnde Bassist hatte über zwanzig Jahre lang breitbeinig neben ihm auf den Brettern der Rockwelt gestanden, und die Fans schlugen sich seit langem bei dem Gedanken auf die Schenkel, McAvoy sei in Wirklichkeit seit langem ein elektronischer Pappkamerad, dem die Roadies jeden Abend nach dem Rausrollen die gleichen Gesten einprogrammierten.

Anfang 191 halfen Brendan und Gerry dem Harmonika-As Mark Feltham, seine alte Formation Nine Below Zero, mit R&B-Gitarrist Dennis Greaves, dem zweiten Gründungsmitglied, wiederzubeleben. Feltham kehrte jedoch nach nur einem NBZ-Album reumütig zurück.

Gallagher beschäftigte für seine 1992er Live-Comeback außerdem Sam Brown´s Stiefbruder, den Drummer Richard Newman, und den Multi-Instrumentalisten Jim Leverton - beide von dem Packet Of Three-Trio des `91 verunglückten Steve Marriot - sowie Bassist David Levy, den Jim Leverton von den Studio-Sessions mit Sam Brown mitbrachte.

Für 1993 waren ein "Unplugged" - sowie ein reguläres Studio-Album geplant, das Ende 1992 bereits fertig geschrieben war, deren Aufnahmen sich aber immer wieder verzögerten. Entspannter gastierte Rory für seinen Freund Ronnie Drew bei der großen Dubliners-Retroperspektive "30 Years A Greying" mit seinem "Barley And Grape Rag" von seinem 1976er Klassiker "Calling Card".

1994 half Rory der jungen irischen Rockband Energy Orchard mit zwei Titeln, spielte auf Samuel Eddy´s "Strangers On The Run" und konnte für ein ambitioniertes Projekt des Jack Bruce-Lyrikpartners Pete Brown gewonnen werden: "The Peter Green Songbook". Rory intonierte auf diesem Tribute mit Elan und Sensibilität die Fleetwood Mac - Titel "Leaving Town Blues" und "Showbiz Blues", begleitet von Rich Newman und Pianist John Cook, neben Blues-Legenden wie Snowy White, Savoy Brown, Arthur Brown, Foghat und Spooky Toth. Die Aufnahmen wurden zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht.